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Der Blumenweltmeister zusammen mit seiner Frau im Gewächshaus

Wäre Hansruedi Thommen Fussballer oder Skirennfahrer, würde ihn jedes Kind in der Schweiz kennen. So aber ist er kaum über die Gemeindegrenzen von Möhlin hinaus bekannt. Zu unrecht, denn angesichts der Titelsammlung des Gartenbauers würde jeder Spitzensportler vor Neid erblassen.
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Wollte Hansruedi Thommen all seine Auszeichnungen aufhängen, müsste er anbauen. Er hat nämlich in den vergangenen Jahren an deutschen Blumenschauen über 1000 (!) Medaillen gewonnen. Dazu kommen 16 grosse Goldmedaillen an Bundesgartenschauen sowie vier Mal der Staatsehrenpreis der Bundesrepublik Deutschland in Gold, zwei Mal in Silber und ein Mal in Bronze (Stand 2006). Sämtliche Titel sind auf dem gesamten Kontinent hoch angesehen, besonders aber der Staatsehrenpreis, welcher als höchste europäische Auszeichnung auf dem Gebiet der Blumenzucht gilt. «Weil die Bundesgartenschau auch die Olympischen Spiele der Gärtner genannt wird, sind die Gewinner des Staatspreises sozusagen Olympiasieger», sagt Hansruedi Thommen nicht ohne Stolz. In Möhlin nennt man ihn allerdings «Blumenweltmeister». Obwohl diese Bezeichnung nicht ganz korrekt ist, geniesst der Gärtnerei- und Blumengeschäftsbesitzer diesen Spitznamen sehr.

Was ihn derart erfolgreich macht, lässt sich nicht so einfach sagen. Klar ist, dass er über grosse Kreativität verfügt und sich nicht scheut, eigene Wege zu gehen. Das kommt bei den Pflanzenrichtern derart gut an, dass deutsche Blumenschau-Veranstalter alle Hebel in Bewegung setzen, damit der Meister bei ihnen mitmacht. «Die Blumen, welche ich an die Ausstellung mitnehmen möchte, werden per Lastwagen in meiner Gärtnerei abgeholt», erklärt Hansruedi Thommen. Einen 3,5-Tönner braucht es dafür schon, schliesslich muss der Blumenweltmeister am Ort des Geschehens genügend Arbeitsmaterial haben. Für die letzte Blumenschau beispielsweise liess er 1500 Schnittblumen sowie zwischen 300 und 400 Töpfe verladen.

«Ich kann nicht arrangieren wie ein Florist, ich stelle aus wie ein Gärtner», betont der Meister. Für Laien ist die Qualität von gärtnerischen Blumenpräsentationen nicht leicht zu erkennen. Man könnte es vielleicht so umschreiben: Der Gärtner strebt die natürliche Perfektion einer Pflanze oder Blume (inklusive Stiel und Blätter) an, während für den Floristen die künstlerische Perfektion wichtig ist, also das Arrangement sowie das Gesamtbild. Die Wettbewerbe an Blumenschauen werden in der Regel in folgende Kategorien unterteilt: Kultivierung einzelner Blumen (also, das Maximum aus einer Pflanze herausholen), ganze Gruppen von Schnitt- und Topfblumen arrangieren sowie bis zu 120 m 2 grosse Showbeete bepflanzen.

Die Tatsache, dass er selbst als Pflanzenrichter amtet, hilft Hansruedi Thommen natürlich sehr, wenn an einem Wettbewerb teilnimmt. «Es gibt ein paar Diziplinen, bei denen ich weiss, dass ich meine Konkurrenten ziemlich ins Schwitzen bringen kann», verrät er und lächelt schelmisch. Doch ständig nur auf seine Paradepferde zu setzen, wäre langweilig. «Aus diesem Grund wähle ich immer wieder eine neue Disziplin aus, damit ich die Herausforderung spüre und etwas Neues ausprobieren kann. Die so gewonnenen Erfahrungen nützen mir dann auch in den <alten > Kategorien.»

Alles in allem – also von der Vorbereitung bis zur Heimkehr – beansprucht eine Blumenschau eine ganze Woche. Ein ziemlich grosser Aufwand, den Hansruedi Thommen jedoch gerne auf sich nimmt. «Der Wettbewerb beflügelt mich, er fordert mich und lässt mich bessere Ideen haben. Ich liebe dieses Kribbeln, diesen Adrenalin-Kick», sagt der Vollblut-Gärtner, der sich keinen anderen Beruf vorstellen kann. «Ich habe noch nie woanders gearbeitet als in einer Gärtnerei. Und ich würde wieder dieselbe Ausbildung machen.» Keine schlechte Bilanz für einen mittlerweile 70-Jährigen.

Seit er an seinem 65. Geburtstag 2001 das Geschäft seiner 26 Jahre jüngeren Frau Susanne übergeben hat, kann es Thommen ein bisschen gemütlicher nehmen. Trotzdem ist er tagtäglich im Gewächshaus anzutreffen. Blumen sind sein Leben. Und natürlich seine Familie. Aus erster und aus zweiter Ehe hat er drei Töchter. Es könnte durchaus sein, dass eines der Mädchen das Geschäft eines Tages in fünfter Generation übernimmt. Genau wie die Eltern haben sich auch die Kinder den Gesetzen des Geschäfts angepasst. Als die jüngeren zwei noch in die Primar gingen, verreiste man jeweils im Januar für drei Wochen beispielsweise nach Bali oder auf die Malediven. Das ging allerdings nur, wenn die Mädchen in der Schule Sonderurlaub bekamen und der Papa sie zwei bis drei Stunden täglich unterrichtete, damit sie nach Ferienende keine Probleme hatten. Thommen: «Jetzt, wo die beiden die Bezirksschule besuchen, geht das natürlich nicht mehr. So beschränken wir uns auf eine Woche Ferien im Herbst.»

Nach seiner Lieblingsblume gefragt, schüttelt er den Kopf – er habe weder eine Lieblingsblume noch eine Lieblingsfarbe. Aber ein leidenschaftlicher Gärtner wie er muss doch eine Passion für ein bestimmtes Gewächs haben! Nach einigem Zögern offenbart er schliesslich: «Ich mag Orchideen sehr gerne, habe sie sogar einmal gesammelt.» Ein paar der exklusiven Gewächse zeugen noch heute im Gewächshaus von dieser Faszination – neben 750 anderen verschiedenen Pflanzen.

«Ohne Blumen könnte ich nicht leben», sagt Hansruedi Thommen. Dank ihm muss das auch der Gemeindeplatz von Möhlin nicht mehr. Bis in die 90er-Jahre war das allerdings noch anders. Zwar hatte man anlässlich des 700. Geburtstags der Eidgenossenschaft anno 1991 ein Schweizerkreuz aus Blumen vor dem Gemeindehaus angelegt, doch im folgenden Jahr spross wieder Rasen im ehemaligen Beet. Das sei kein Zustand, befand der Blumenweltmeister und fragte die Gemeindeverwaltung, ob er zur 1200-Jahr-Feier von Möhlin 1994 an besagter Stelle das Gemeindewappen pflanzen dürfe. Er tat das aus Freude an der Sache und auf eigene Rechnung. «Die Bepflanzung kam sehr gut an, sodass ich mich entschloss weiterzumachen, denn sonst wäre im wahrsten Sinne des Wortes bestimmt wieder Gras über die Sache gewachsen.» Und so schenkt der Blumenweltmeister seiner Heimatgemeinde also Jahr für Jahr eine Kostprobe seines Könnens.

«Ich fühle mich einfach wohl in Möhlin – es ist schön hier und es geht mir gut», sagt der geborene Stadtbasler. Das war nicht immer so. Nach seinem Zuzug habe er sich lange im Dorf nicht akzeptiert gefühlt. Tempi passati. Inzwischen hat der kreative Gärtner in der Fricktaler Gemeinde so sehr Wurzeln geschlagen, dass er nicht mehr weggehen würde.

Dass er Aussergewöhnliches in seinem Beruf leistet, führt Hansruedi Thommen auf seine Lehr- und Wanderjahre zurück, welche ihn von der Schweiz über Deutschland und Frankreich bis in die USA führten. Im Ausland lernte er andere Betrachtungsweisen, Philosophien und Mentalitäten kennen. Das sei unheimlich befreiend und inspirierend zugleich gewesen.

Vielleicht spricht der topfitte Siebziger deshalb nicht immer dieselbe Sprachen wie seine Schweizer Berufskollegen. Die Zunft der grünen Daumen müsste eigentlich mächtig stolz sein auf einen, der die höchste europäische Auszeichnung gleich mehrmals gewonnen hat. Doch dem scheint nicht überall so zu sein. Während ihn der Schweizerische Gärtnermeister-Verband zum Ehrenmitglied machte und der Gärtnermeister-Verband Aargau ihm zu Ehren sogar eine Website gestaltete, obwohl nur seine Frau der Vereinigung angehört, schweigt der Gärtnermeister-Verband beider Basel, dessen Mitglied Thommen seit Jahrzehnten ist, die Preise tot. «Leider erfahre ich sehr viel Neid. Das tut natürlich weh, aber ich habe mich längst daran gewöhnt», erklärt der hoch dekorierte Blumenfachmann die Situation. Dabei würde er sein Wissen und seine Erfahrung gerne weitergeben. Beispielsweise in Weiterbildungskursen oder an der Berufsschule. Auch fände er es schön, an regionalen Anlässen zusammen mit Berufskollegen sein Handwerk präsentieren zu können. Aber nicht gegeneinander, sondern miteinander, ganz nach dem Motto «Gemeinsam sind wir stark». Bis jetzt allerdings hat keine Seite Interesse bekundet. So profitieren einzig jene, welche in Thommens Betrieb eine Gärtnerlehre machen.

Weshalb nimmt Hansruedi Thommen nicht an Schweizer Blumenschauen teil? «Weil es schlicht und einfach keine gibt. Die <Grün 80 > in Basel war die letzte», sagt er. «Es ist wirklich schade, dass es hierzulande keine solchen Wettbewerbe gibt.» Über 30 Jahre sind also seit der letzten Schweizer Blumenschau vergangen. Viel zu lange. Doch offenbar besteht bei den Schweizer Gärtnern kein Bedarf an einer solchen Veranstaltung – oder man scheut den damit verbundenen Aufwand.

Vielleicht denkt man eines Tages doch noch um und stellt in unserem Land wieder einmal eine Blumenschau auf die Beine. An dieser würde wohl auch Hansruedi Thommen teilnehmen, schliesslich will er weitermachen, solange es geht. Schweizer Medaillen hat der Blumenweltmeister schon lange keine mehr nach Hause tragen können. Die letzten – zwei goldene, vier silberne und vier bronzene – gewann er an der <Grün 80 >. Apropos: Wo bewahrt der Blumenweltmeister eigentlich seine Medaillen auf? Hängen sie im Wohnzimmer an der Wand? «Nein, nein. Die liegen alle fast ausnahmslos in einer Kiste. Für mich ist es nicht wichtig, sie aufzuhängen», sagt Hansruedi Thommen. «Wer nun aber glaubt, ich hätte immer nur gewonnen, täuscht sich. Selbstverständlich habe ich auch verloren – und danach die Gründe dafür gesucht und daraus gelernt.»

 

 

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Hoch dekorierter Blumenweltmeister
Piktogramm der 3 Kirchen von Möhlin