Geschmiedete Weltkugel mit HufeisenGeschmiedete Weltkugel mit HufeisenGeschmiedete Weltkugel mit HufeisenGeschmiedete Weltkugel mit Hufeisen
 
 
 

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Hans Mahrer

Viele «Mehler» können sich den Silvesterabend ohne ihn gar nicht mehr vorstellen. Hufschmied Hans Mahrer fertigt in den letzten Minuten des alten und in den ersten Minuten des neuen Jahres an der Schmittenbrücke ein Hufeisen, auf dass es den Menschen und der Gemeinde Glück bringe.
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Eigentlich ist Hans Mahrer ein ganz gewöhnlicher Hufschmied. Inzwischen zwar aus Gesundheits- und Altersgründen kürzer getreten, hat er seinen Beruf Jahrzehnte lang mit grosser Leidenschaft ausgeübt. Das zeigt sich auch im Haus, das er zusammen mit seiner Frau bewohnt: Überall finden sich Zeichen seines Handwerks – sei es das über dreissigjährige provisorische Treppengeländer, das exklusive Schlüsselkästchen oder der Eisenknoten, welcher sogar die Bewunderung der Berufskollegen hervorruft. Geprägt ist das Heim ausserdem von Hans Mahrers zweiter Leidenschaft, der Jagd. Die Wände des Esszimmers zieren zahllose Rehschädel und andere Trophäen. «Ich war schon oft in Afrika», erzählt er. «Wie dort üblich, gab ich von jedem geschossenen Tier dem Häuptling des Stammes, dem das Land gehörte, ein Stück Fleisch ab. So hatten die Eingeborenen ebenfalls etwas davon.»

Der 67-Jährige weiss viel zu erzählen – spannende Jagdgeschichten ebenso wie interessante Berufsepisoden. Dazu gehört, dass er im Laufe seiner Karriere wohl gegen 50 000 Pferde beschlagen habe. «Dabei muss man aufpassen, dass die Hufnägel lediglich ins Horn dringen und nicht ins Fleisch der Tiere, denn das schmerzunempfindliche Horn und das äusserst sensible Fleisch liegen sehr nahe bei einander», erklärt Mahrer. Bei mehreren Nägeln pro Hufeisen und noch mehr Schlägen pro Nagel sind so im Laufe der Zeit unzählige Hiebe zusammengekommen.

Heute gebe es mehr Pferde als früher, meint der Hufschmied. «Als ich ein Bub war, sagte mein Vater, der ebenfalls als Hufschmied arbeitete, es habe jetzt 65 Pferde in Möhlin. Inzwischen sind es etwa 200.» Nur logisch also, dass Hans Mahrer seit 20 Jahren nichts anderes mehr macht, als Hufeisen anzupassen.

Das war nicht immer so. Lange hatte er sich dem Kunsthandwerk verschrieben. Wasserspeier in Gestalt von Fabeltieren an der Dachrinne des ehemaligen Restaurants «Schiff» in Wallbach zeugen davon. Ebenso kunstvoll geschmiedete Geländer beispielsweise in Möhlin, den umliegenden Gemeinden und sogar in Herrliberg bei Zürich.

Es gab aber auch eine Zeit, in der Hans Mahrer Dinge fertigte, die viele Menschen gar nicht mehr kennen. Kuheisen etwa, von denen der Schmied noch immer einige besitzt und die er wie einen Schatz hütet. Früher wurden die Wiederkäuer meist an den äusseren Klauen mit ganz speziellen Eisen beschlagen. Mahrer: «Damals hatten die Bauern kein Geld für Pferde, also wurden Ochsen und Kühe vor die Wagen gespannt.» Für die Holzräder dieser Wagen fertigten er, vor ihm sein Vater Hans und zuvor Grossvater Edwin Eisenreifen. Sogar Werkzeuge für die Bauern oder Maurerkellen stellte Hans Mahrer her als es noch keine Baufachmärkte gab.

Ebenfalls viele Jahre sind ins Land gezogen, seit die Idee zum inzwischen nicht mehr wegzudenkenden Möhliner Silvesterbrauch entstanden ist. Genauer gesagt sind es heuer 50 Jahre – nächsten Silvester gilt es also auf ein Jubiläum anzustossen!

Doch wie ist der Brauch überhaupt entstanden? Hans Mahrer erinnert sich an Silvester 1956. «Zusammen mit drei Kollegen habe ich an diesem Abend in der Schmitte vier ganze Poulets gebraten, für jeden eines. Damals war das etwas ganz Besonderes, sozusagen eine Sensation, denn Poulets konnten sich nur die Reichen leisten.» Natürlich wurde nicht nur fürstlich gegessen, sondern auch königlich getrunken. «Ziemlich angeheitert kam ich kurz vor Mitternacht auf die Idee, den kleinen Amboss ins Freie zu tragen, ein Stück Eisen zu nehmen und darauf herumzuklopfen. Durch das Hämmern wurden einige Menschen angelockt, die zuschauten und schliesslich sagten: <Das müsst ihr von nun an jedes Jahr machen. >»

Gesagt, getan. Seither schmiedet Hans Mahrer das alte Jahr aus und das neue ein, wie er es nennt. Das Schauspiel beginnt jeweils um etwa 23.53 Uhr im alten Jahr und endet ungefähr drei Minuten, nachdem das neue Jahr angebrochen ist. Damit ein Hufeisen geschmiedet werden kann, muss es zweimal erwärmt und behämmert werden. Das erste Mal tut Hans Mahrer dies sieben Minuten vor Mitternacht, mit dem zweiten Arbeitsgang beginnt er zwei Minuten, bevor es zwölf Uhr schlägt. Ist das Hufeisen vollendet, hält der schnauzbärtige Schmied eine kurze Neujahrsansprache, in der er sagt, wem das Eisen ganz besonders viel Glück bringen solle. «Ausserdem bestimme ich, wer das Hufeisen danach behalten darf. So zeichne ich auf meine Art gewisse Menschen aus.» Das ist tatsächlich eine besondere Ehre, denn der Glücks-Bringer von Möhlin erhält wesentlich mehr Anfragen als er Silvester-Hufeisen schmiedet. Zur Tradition ist zudem geworden, dass Ernst Frank vom Schuhhaus Frank einen grossen Zopf mitbringt und der Schmied Wein spendiert. Mittlerweilen tun es ihm viele Besucher gleich oder bringen Champagner mit.

Inzwischen wohnen jedes Jahr 300 bis 400 Menschen dem Treiben bei. Rund ein Drittel kommt von auswärts, manche reisen sogar von weither an. So weiss der Glücksschmied von einer Familie, die früher in «Mehli» zu Hause war, nun aber jeweils den Weg aus Bern nicht scheut, um ein bisschen Heimatluft zu schnuppern. Manche Leute seien schon vierzig Mal gekommen, sie könnten sich Silvester ohne das Hufeisen-Schmieden gar nicht mehr vorstellen. «Mir geht es genauso», gesteht der kräftige Mann. «Darum mache ich weiter, solange es geht.» Seit einigen Jahren wird er jeweils von seinem Sohn Adrian unterstützt, ebenfalls gelernter Hufschmied. Es besteht also Hoffnung, dass der Junior den Brauch dereinst weiterführen wird, wenn Hans Mahrers Gesundheit nicht mehr mitmacht.

«Weil das Hufeisen so begehrt ist, muss ich immer aufpassen, dass es mir niemand im Trubel stibitzt», sagt Mahrer. Noch heute wird er bleich, wenn er sich an jenes Jahresende erinnert, als ihm eine junge Frau das Eisen aus der Zange riss. Da es noch glühte, verbrannte sich die Frau ganz fürchterlich die Hand, das Eisen blieb an der Haut kleben. Geistesgegenwärtig tauchte der Schmied die Hand der schreienden Frau in den zur Abkühlung des Glücksbringers vorgesehenen Wasserkübel und schleuderte das Hufeisen in den Bach, damit nicht noch ein Unfall geschehen konnte. «Das war ein riesiger Schreck für mich», erklärt Mahrer. «Die Frau musste mehrmals operiert werden, denn ausser den Hautverbrennungen war die Sehne geschädigt, sie hatte sich durch die Hitze zusammengezogen.»

Zum Glück sind aber auch Schmunzelgeschichten rund um Möhlins ganz speziellen Silvesterbrauch überliefert. So fuhr der frühere Gemeindeammann Franz Metzger während seiner Amtszeit einmal derart schwungvoll am Ort des Geschehens vor, dass er den Amboss rammte, auf welchem das Glückeisen geschmiedet werden sollte. Diesem rasanten Auftritt hielt selbst der schwere Amboss nicht stand, worauf dieser auf das Auto kippte und dort einen Blechschaden verursachte. Hans Mahrer: «Gemeinsam konnten wir den Amboss jedoch wieder entfernen und das neue Jahr doch noch einschmieden.»

Ebenfalls ein Lächeln huscht ihm übers Gesicht, wenn er an jene Kinder denkt, denen er unter dem Jahr ein Hufeisen gegeben und ihnen gesagt hat, sie sollten es immer in der Schultasche mit sich tragen und unter den Tisch legen, wenn sie eine Prüfung hätten. «Ob man es glaubt oder nicht: Plötzlich hatten die Kinder viel bessere Noten.» Zauberei oder Magie? Man weiss es nicht. Vielleicht war es die Extraportion Selbstvertrauen, welche der Glückbringer den Schülern gab.

Doch woher kommt eigentlich der Glaube, dass ein Hufeisen Glück bringt? Das sei nicht klar, sagt der Fachmann. Es gebe allerdings eine Erklärung, die ihm ziemlich glaubwürdig erscheine. Und die lautet so: Früher, als nur Könige und Reiche Pferde besassen, wurden Gold- und Silbernägel zur Befestigung der Hufeisen verwendet. Verlor nun ein Tier ein Hufeisen, sandten die Edelleute Suchtrupps aus. Wer immer das edle Stück fand und seinem Besitzer zurückbrachte, durfte als Finderlohn einen der wertvollen Nägel erwarten. So erhielten die Pferdehalter ihre Nägel zurück und der Überbringer ging ebenfalls nicht leer aus – das Hufeisen hatte also beiden Glück gebracht.

Gold spielt auch eine wichtige Rolle bei Hans Mahrers zweitem aussergewöhnlichen Ämtchen. Er «verheiratet» nämlich frischgebackene Eheleute auf seine eigene Weise. Er nimmt ein von ihm vorfabriziertes und vergoldetes Hufeisen auf die Feier mit und bittet dann Braut und Bräutigam, ihm beim Schmieden zu helfen. «Jeder muss auf seiner Seite die Löcher für die Nägel hineinschlagen.» Anschliessend verweigt der Profi das Hochzeitsdatum im Hufeisen und weist das Paar an, es über dem Bett oder an einem anderen würdigen Ort aufzuhängen. Mit der offenen Seite nach oben, notabene, damit das Glück hineinfallen könne. Stolz sagt Mahrer: «Noch keine einzige Ehe, die ich geschmiedet habe, ist in die Brüche gegangen.»

Angesichts dieser herausragenden Bilanz würde man allen Hochzeitern ein goldenes Hufeisen wünschen. Doch daraus wird nichts, denn in den Genuss dieses Rituals kommen lediglich

wenige Auserwählte, «nur gute Bekannte und Freunde, auch wenn ich immer wieder angefragt werde».

Ob an Silvester, bei Kindern oder an Hochzeiten – Hans Mahrer ist im wahrsten Sinne des Wortes ein Glücksschmied.

 

 

Der das Glück nach Möhlin bringt
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